Nachrichten aus dem Gemeindearchiv Sommerhausen

Stiftungen und wohltätige Menschen in Sommerhausen

recherchiert und erarbeitet u.a. anhand von Dokumenten des Gemeindearchivs von der Archivarin Irene Meeh

 
Zu den Beiträgen

Georg Wolfgang Steinbrenner     Johann Ferdinand Horlacher      Wilhelmine Koch     Bertha Thierauf


Steinbrenner – Düll’sche Schulstiftung – Stiftung mit dem Zweck zur jährlichen Erinnerung


Georg Wolfgang Steinbrenner erblickte am 20. Dezember 1777 in Sommerhausen das Licht der Welt. Bevor der Junge zehn Jahre alt wird, verstirbt seine Mutter, eine geborene Eva Barbara Mündlein (1735-1786) an Lungensucht. Seine 1776 geborene Schwester Maria Christina erliegt mit fünf Jahren den Blattern. Sein Vater, der Schreinermeister Johann Adam Steinbrenner (1741-1811), allein mit dem Knaben, heiratet ein Jahr später Anna Margaretha Riegel (1752-1814) aus Buchbrunn. Aus dieser Ehe werden sechs Kinder geboren, von welchen nur eine Tochter mit Namen Eva Barbara (geb. 31.10.1793) überlebt. Zu ihrem weiteren Werdegang gibt es keine Angaben. Der Name Steinbrenner taucht in den Familienstandsbögen aus dem 19. Jahrhundert in Sommerhausen nicht mehr auf.
Georg Wolfgang ergreift wie sein Vater den Schreinerberuf, der sich in der Familie Steinbrenner über mehrere Generationen zurückverfolgen lässt. Als Schreinergeselle verlässt er Sommerhausen und findet in Frankreich ein neues Zuhause. In Sens, im Departement Yonne, in der Region Burgund, wird er ansässig. In dem Ortsfamilienbuch wird Georg Wolfgang als Ebenist bzw. Kunsttischler in Paris erwähnt. Vermutlich führte ihn der Weg zunächst in die Hauptstadt, ehe er sich in dem circa 100 km entfernten Ort Sens niederließ.
Am 22. Mai 1843 erscheint der Güterbesitzer Georg Wolfgang Steinbrenner im Alter von 65 Jahren vor dem hiesigen Herrschaftsgericht in Sommerhausen und erklärt dem Herrschaftsrichter Zwanziger laut einer überlieferten Abschrift seine Stiftung „Ich bin aus Sommerhausen gebürtig und möchte zu meiner Erinnerung und zugleich Dankbarkeit an meinen Geburtsort eine milde Stiftung von 500 Franken unter nachfolgenden Bestimmungen errichten. Aus den jährlich abfallenden Zinsen sollen Bücher, welche dem Geiste Nahrung gewähren, als Prämien für die im Wissen sich auszeichnenden Werktagsschüler, beiderlei Geschlechts und ohne Rücksicht auf die Familie und den Stand vertheilt werden.
Die Vertheilung soll jedesmal am 20. Dezember als Geburtstag des Stifters und zwar 1844 anfangend, erfolgen.“ Für die Verteilung der Prämien und den Ankauf der Bücher bestimmt der Stifter drei hiesige Bürger a) „den Kaufmann und damaligen Gemeindevorsteher Friedrich Koch (1798-1866), b) den Bandfabrikanten und Kirchenpfleger Lorenz Nier (1784-1850) sowie seinen Cousin c) den Winzer Michael Mündlein sen. (1762-1855).
Nach Ableben der unter a) und b) genannten treten an deren Stelle der zeitliche Vorsteher und Kirchenpfleger, und nach dem Dahinscheiden des dritten Mitgliedes jedesmal der älteste Sohn aus dieser Familie ein.“


Aktendeckel zur Schulstiftung. Stiftungserklärung vom 22.5.1943 mit Unterschrift von Georg Wolfgang Steinbrenner, Friedrich Koch, Lorenz Nier und Michael Mündlein.   Fotos: Irene Meeh

Am 21. September 1843 wird die Stiftung von der königlichen Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg bestätigt. Das Ministerium sorgt für die nutzbringende Anlegung des Kapitals. In dem vorhandenen Sammelakt befinden sich zahlreiche Rechnungen von Buchhandlungen in Würzburg (Stahel’sche Buchhandlung, Julius Staudingers Buchhandlung, A. Stubers Buchhandlung) und Nürnberg (Johann Philipp Raw’sche Buchhandlung), die den Kauf verschiedener Bücher belegen, die als Prämien an die Schüler ausgegeben wurden. Überwiegend handelt es sich um Jugendschriften sowie Erzählungen aus der Kirchengeschichte, Bücher zur Reformationsgeschichte, aber auch Schriften zur Obstbaumzucht, Schul- und Lesebücher werden aufgeführt. Eine Rechnung der Buchhandlung A. Stuber in Würzburg vom 26.1.1867 für die Wohllöbl. Steinbrenner’sche Schulstiftung listet 17 bestellte Bücher auf, die unter anderen den Schulmeister von Caspari und Hoffmanns Erzählungen beinhaltet. Über das verwendete Kapital und die erwirtschafteten Zinsen wurde genau Buch geführt wie die handschriftlichen Aufzeichnungen und Quittungen dokumentieren.


Bestätigung der königlichen Regierung 21.9.1843. VIIIte Rechnung über die Schulstiftung 1862-
1865. Rechnung der Buchhandlung A. Stuber aus Würzburg 26.1.1867.   Fotos: Irene Meeh

Im Jahre 1911 erfährt die Stiftung eine Erweiterung des Stammkapitals durch die Schenkung eines Pfandbriefes von 200 Mark. Bei dem edlen Spender handelt es sich um den Privatier Friedrich Düll (1851-1920). Anlässlich seines 60. Geburtstages vermehrt der Metzgermeister, der eine Garküche, später Weinhaus Düll, in der Hausnummer 74 (Maingasse 5) betreibt, das vorhandene Vermögen um diese milde Gabe. Von nun an trägt die Stiftung den Namen Steinbrenner-Düll’sche Stiftung. Dem Chronisten Friedrich Gutmann zufolge wurde im Anschluss der Stiftungszweck abgewandelt und von den Zinsen ausschließlich Gebetbücher für die Konfirmanden erworben.
Im Vergleich zu den bisher berichteten Stiftungen handelt es sich bei der Steinbrenner-Düll’sche Stiftung um eine verhältnismäßig kleine Schenkung. Im Vordergrund stand wohl neben der sehr ehrenwerten Unterstützung von ausgezeichneten Schülerinnen und Schülern mit Büchern die jährliche Erinnerung an den Wohltäter Georg Wilhelm Steinbrenner in Sommerhausen, der seinem Heimatort in Dankbarkeit sehr verbunden war und seinen Namen nicht in Vergessenheit geraten lassen wollte. Mit der Erweiterung des Vermögens durch Friedrich Düll, sicherte ein weiterer in Sommerhausen angesehener Bürger die Fortführung der Stiftung, allerdings mit Entfremdung des ursprünglichen Stiftungszwecks. Auf Grund von Inflation und Währungsreform wurde auch diese Stiftung 1959 aufgelöst, weil die Erfüllung des Stiftungszweckes nicht mehr möglich war. Das Guthaben belief sich 1954 auf 7,40 DM.


Sparbuch der Steinbrenner-Düllstiftung, Stand 1954.   Foto: Irene Meeh


Johann Ferdinand Horlacher (1808-1876)
Wohlhabender Stifter, der sein Vermögen seinem Heimatort vermacht
zur Unterstützung hilfsbedürftiger Menschen
„Horlacherstiftung“

 

Johann Ferdinand Horlacher kommt am 16. August 1808 in Sommerhausen als fünftes und letztes Kind von Georg Friedrich Horlacher und seiner dritten Ehefrau Sabrina Catharina, geb. Seubert (*1766) zur Welt. Drei seiner Geschwister sterben innerhalb kurzer Zeit an verschiedenen Krankheiten und über den weiteren Fortgang seiner 1801 geborenen Schwester Anna Dorothea Barbara gibt es in dem Ortsfamilienbuch keine Informationen. Johann Ferdinands Vater war Bader, Chirurg und Handelsmann und heiratete 1794 in erster Ehe die 48jährige Witwe seines Stiefonkels Johann Balthasar Horlacher, der in Sommerhausen auch den Beruf des Baders und Chirurgs ausgeübt hatte. Bereits nach etwa einem Jahr trennt sich Georg Friedrich von seiner ersten Ehefrau Maria Immel (1746-1823), um sich 1796 mit der 26jährigen Wilhelmina Höllein zu vermählen, die im gleichen Jahr einen Sohn zur Welt bringt. Auch dieser Ehe ist kein Glück beschieden, denn Wilhelmina stirbt nach zwei Jahren und das gemeinsame Kind erliegt im Jahr 1800 dem Scharlachfieber.
Johann Ferdinand ist der einzige männliche Nachkomme und ergreift nicht den Beruf seines Vaters. Vielmehr betätigt er sich im Zollwesen, verlässt den Winzerort Sommerhausen und verdingt sich als königlicher Malzaufschlageinnehmer in Werneck. In Sommerhausen tritt der Name Horlacher in den Familienstandsbögen des 19. Jahrhundert nicht mehr auf wie dies bei dem zuletzt beschriebenen Stifter mit Namen Steinbrenner festzustellen war.
Im Alter von 67 Jahren verfasst Johann Ferdinand am 26. Mai 1876 sein Testament.


Acta betr. Horlacherstiftung 1876. Testament von Johann Ferdinand Horlacher vom 26. Mai 1876.
Fotos: Irene Meeh

In dem Dokument erklärt er, dass „er bereits im hohen Alter stehe und keine näheren Verwandten habe, denen er sein Vermögen zuwenden möchte, so habe er sich entschlossen, seinen wohlüberlegten letzten Willen niederzulegen und bestimme, daß es mit seinem Vermögen nach seinem Tod, so gehalten werden solle, wie nachfolgendes angeordnet sei“:
„1 Mein Vermögen besteht in ungefähr 18 Tausend Gulden in Werthpapieren, welches ich in meiner Wohnung verwahrt habe, sodann in meinem Mobiliar.
„2 Als Erben meines gesamten Nachlasses setze ich meine Heimatgemeinde Sommerhausen mit der Bestimmung ein, daß dieselbe denselben zur Errichtung einer nach meinem Namen benannten „Horlacher-Stiftung“ in der Weise verwendet wird, wen ich hierfür bestimme.
Mein Vermögen soll, falls es bei meinem Tode noch nicht Zwanzigtausend Gulden (34.285 Mark) beträgt, so lange nutzbringend angelegt bleiben und mit den Zinsen admassiert (vergrößert) werden bis es die genannte Summe oder auch die entsprechende runde Summe in Markrechnung erreicht. Dann soll derselbe mit allerhöchster Genehmigung als „Horlacherstiftung“ von dem Armenpflegschaftsrathe Sommerhausen oder welche Gemeindebehörde sonst dereinst den Wirkungskreis des Armenpflegschaftsrathes haben wird, verwaltet und in folgender Weise über die angefallenen Zinsen Verwendung getroffen werden:
  • Zur Unterstützung von Familien welche ohne ihre Schuld arm und unterstützungsbedürftig geworden sind.
  • Zur Unterstützung kranker und breßhafter Personen (Menschen mit körperlicher, geistiger Behinderung), welche Unterstützung nöthig haben.
  • Für arme Kinder zur Erlernung eines Handwerkes.
  • Für arme talentvolle Knaben denen die Mittel zum Studium fehlen, wobei jene, welche Theologie studieren, den Vorzug haben sollen. Auch jene Knaben, welche eine sonstige höhere Schule besuchen wollen, können aus meiner Stiftung eine Unterstützung erhalten.
Anspruch auf Unterstützung sollen aber in allen Fällen nur Personen haben, welche von Sommerhausen gebürtig sind und der protestantischen Konfession angehören.“
Ferner seien laut Testament „die Zinsen in jedem Falle immer zu admassieren, auch wenn keine unterstützungsbedürftige Personen vorhanden seien.“
Zu seinem Testamentsvollstrecker ernennt Ferdinand Horlacher den Kaufmann Karl Rosèr in Werneck. Am 13. Januar 1877 wird die Stiftung nach Erlass des Königlich-Bayerischen Staatsministeriums des Inneren beider Abteilungen in München bestätigt. In dieser Abschrift beläuft sich der Nachlass des Stifters auf eine Summe von 25.250 Mark.
Der edle Stifter erkrankt wohl bereits kurze Zeit nach seiner testamentarischen Verfügung an Typhus und Wassersucht und wird zu einem Pflegefall. Am 10. August 1876 erliegt Johann Ferdinand Horlacher seinem Leiden noch kurz vor seinem 68. Geburtstag. Eine im Gemeindearchiv vorhandene Prozessakte von 1876 bis 1879 dokumentiert in allen Einzelheiten den Krankheitsverlauf des Stifters, der von 13. Juni bis 9. August 1876 intensiv gepflegt und betreut werden musste. Der Chirurg und Pfleger Lorenz Kraus erhebt diesbezüglich Honorarforderungen an die Gemeinde Sommerhausen, die seiner Meinung nach nicht entsprechend erfüllt wurden. In einem Gerichtsurteil wird am 30. Juli 1877 die Rechtmäßigkeit der Ansprüche seitens des Klägers bestätigt.


Genehmigung der Stiftung 13.1.1877. Gerichtsurteil 30.7.1877.
Fotos: Irene Meeh

Im Jahr 1885 tritt erstmals die stiftungsgemäße Verwendung der Zinsen in Kraft. Ein aus dem Jahr 1910 erhaltenes Schriftstück, die Statistik von Stiftungen betreffend, beziffert die Kapitalien inzwischen auf 40.272,37 Mark. Neun Personen wurden in diesem Jahr mit einem Betrag von 1.179,30 Mark unterstützt. Ein Akt zum Rechnungswesen der Horlacherstiftung verzeichnet in den Kriegsjahren 1915 bis 1918 jährlich Ausgaben zwischen 1.000 und 5.000 Mark, während die Kapitalien sich in dem Zeitraum auf rund 40.000 Mark beliefen. Auf Grund der Anlage in Wertpapieren konnten auch in der folgenden Zeit unterstützungsbedürftigen Menschen Geldmittel aus der Horlacherstiftung gewährt werden. Im Genossenschafts-Sparbuch sind selbst 1954 noch 945.80 DM für das Anlagekonto der Horlacherstiftung vermerkt.


Statistik der Stiftungen 1910 betr. Einnahmen, Ausgaben, Kapitalien. Rechnungswesen 1915-1918.
Fotos: Irene Meeh


Johann Ferdinand Horlacher hinterließ der Gemeinde Sommerhausen im Vergleich zu den bisher behandelten Stiftungen das stattlichste Vermögen für einen wohltätigen Zweck. Vielen hilfsbedürftigen Menschen konnte mit den erwirtschafteten Zinsen aus diesem Nachlass geholfen werden.
Wie die anderen Stiftungen wurde auch die Horlacherstiftung 1959 aufgelöst.


Wilhelmine Koch (1813-1895) – Stifterin ihres Wohnhauses (Hausnummer 16, Hauptstraße 38) für den Kindergarten und eines Fonds für den Unterhalt-Koch’sche Stiftung

 

Juliane Wilhelmine Koch wurde am 2. Oktober 1813 in Sommerhausen geboren und war die Jüngste von acht Kindern. Ihr Vater Georg Nicolaus (1764-1829) Koch stammte aus einer Konditoren- und Kaufmannsfamilie und wird in dem Ortsfamilienbuch als Kauf- und Handelsmann aufgeführt , der in den Jahren 1812/13 und 1829 auch das Amt des Bürgermeisters in Sommerhausen ausübte. Margaretha Barbara (1771-1854), die Mutter der großen Kinderschar erreichte ein für damalige Verhältnisse beachtliches Alter von 84 Jahren.
Von den sieben Geschwistern lebten außer Wilhelmine ihre Schwester Anna Barbara (1807-1891) und ihr Bruder Johann Ludwig (1798-1835) in Sommerhausen, über dessen Tochter Bertha Thierauf das letzte Mal im Mitteilungsblatt (Nr. 8) berichtet wurde. Die drei Schwestern Wilhelmine, Anna Barbara und die in Köln wohnende Luise Barbara (*1809) blieben ledig und erbten das Wohnhaus mit der Haus Nummer 16 in Sommerhausen. In einem 1873 errichteten Erbvertrag setzten sich Wilhelmine und Anna Barbara gegenseitig als Haupterben des Anwesens ein. Mit dem Ableben der beiden Schwestern sollte Luise Nacherbin werden.


Wilhelmines Testament
Nach dem Tod von Anna Barbara ließ Wilhelmine am 9. März 1891 in ihrem Wohnhaus „krank im Bette liegend, aber im vollen Besitze ihrer geistigen Kräfte, wie eine Unterredung mit ihr dies bewies“ von dem königlichen Notar Justizrat Josef Link zu Ochsenfurt ihren letzten Willen beurkunden. Als erbetene Zeugen waren der Lehrer Friedrich Schwarz und der Kaufmann Wilhelm Jöstlein anwesend. Ferner war ihre Schwester Luise zugegen, die sodann ihren gänzlichen Verzicht auf ihr Erbe erklärt.

 

Testamentsauszug von Wilhelmine Koch 1891 mit Angaben des Notars zu Wilhelmines geistiger Verfassung und Luises Verzicht auf ihr Erbe.
Repro: Irene Meeh

 

Anschließend verfügt die 78jährige für ihren Nachlass drei Haupterben: Ein Drittel erhält die Kirchenstiftung Sommerhausen zur Bildung eines Fonds, aus dem eine evangelische Gemeinde-Diakonissin eingestellt und die Zinsen zu ihrer Entlohnung verwendet werden sollen. Das zweite Drittel bekommt die Heilanstalt für skrophulöse Kinder in Bad Kissingen beziehungsweise die Gemeinde oder die Armenpflege, welche für den Unterhalt zuständig ist. (Anm.: Die im Mittelalter erstmals vorkommende Skrophulose ist eine tuberkulöse Hauterkrankung, die sich vorwiegend an Hals und Gesicht zeigt) Aus den Zinsen des Erbteils sollen die Kurkosten für arme kranke Kinder finanziert werden, wobei Kinder aus Sommerhausen bevorzugt werden sollen. Das verbliebene Drittels des Erbes erhält der „zeitliche“ Pfarrer in Sommerhausen, in diesem Fall Friedrich Ackermann, den sie bittet, nach seinem Ermessen, ein Drittel für die Ortsarmen und zwei Drittel für die Heidenmission zu verwenden.
Ferner erbt 5000 Mark der evangelische Gustav Adolf Verein, 8000 Mark werden ihrem Dienstmädchen Elisabeth Dusel einschließlich der Kücheneinrichtung, Wohnzimmermobiliar zugesprochen und 5000 Mark soll das Diakonissenhaus in Augsburg erhalten. In weiteren Nachträgen aus den Jahren 1891, 1892 und 1895 sollen aus noch vorhandenem Vermögen jeweils 100 Mark der Feuerwehr, dem Schützenverein, dem Kriegerverein und dem Burschenverein zufließen und Frau Stang mit 300 Mark bedacht werden. Ihr sonstiger Hausrat, Tisch, Stühle, Leibwäsche gehen nach Neuendettelsau. Ihr Bett erbt zudem das Dienstmädchen Elisabeth Dusel, weitere noch vorhandene Betten bekommen Elisabeths Brüder Heinrich und Valentin inklusive noch übriges Vermögen.
Wilhelmines Wohnhaus wird der Gemeinde Sommerhausen vermacht mit der Bestimmung, dort eine Kleinkinderbewahranstalt zu errichten. Weitere 500 Mark dienen als Fond, aus dessen Zinsen die Einrichtung unterhalten wird. Die Erblasserin verstirbt am 30. November 1895 mit 82 Jahren an Altersschwäche.
Am 5. Juni 1896 wird die „Eigenthumsabtretung“ das Wohnhaus Hausnummer 16 betreffend von Pfarrer Friedrich Ackermann und Privatier Lorenz Vogler als Vertreter der Kirchenstiftung und der Kinderheilanstalt an Bürgermeister Gottlieb Wenninger von Notar Josef Link beurkundet. Das Wohnhaus verfügte über einen Keller mit Kelterhaus, Stallung, Waschhaus, Schweinestall und Hofraum einschließlich eines Würzgartens wie dies auch in einem Auszug aus dem Grundsteuerkataster dokumentiert wird. Das Deckblatt der Urkunde mit der Register Nummer 508 ist in seinem Dekor mit den flankierenden Säulen, den bekrönten bayerischen Löwen und dem Wappen Bayerns noch offensichtliches Zeugnis des bayerischen Königreichs, welches schließlich 1918 endete.

Urkunde Reg. 508 Eigenthumsabtretung 1896.    Repro: Irene Meeh

 

Von nun an konnten die 3 bis 6jährigen Kinder, die zuvor im Erdgeschoss der damaligen Schule untergebracht waren in einem eigenen Gebäude betreut werden. Mit der Stiftung wurde eine evangelische Diakoniestation errichtet und eine Diakonissin aus Neuendettelsau eingestellt, die für den bisher weltlich geleiteten Kindergarten nun verantwortlich war und im gleichen Haus wohnte. Mit der Eröffnung eines neuen Kindergartengebäudes in der Gräfin- Hildgard-Straße 18 im Jahre 1963 wurde das Haus für die Vermietung von Wohnungen genutzt.

Hauptstraße 38 (Hs. Nr. 16), ehemals Kindergarten.
Repro von Postkarte 1905 und Fotos 2021: Irene Meeh

 
Wilhelmine, aufgewachsen mit vielen Geschwistern und im evangelischen Glauben geerdet, lag das Wohl von Kindern sehr am Herzen. Mit ihrem Vermächtnis unterstützte sie die Kinderheilanstalt in Bad Kissingen und schuf in Sommerhausen die Grundlage für die Unterbringung des Kindergartens in eigenen Räumlichkeiten unter evangelischer Leitung. Im Jahr 1959 wurde die Koch’sche Stiftung aufgelöst.


Bertha Thierauf (1833-1911)- Privatiere und spendable Stifterin

Fotografie von Bertha Thierauf im Treppenhaus der Willy-Supp-Turnhalle.    Foto: Irene Meeh

 

Bertha Maria Emilie Mathilde Koch wurde am 21. April 1833 in Sommerhausen geboren und blieb ohne Geschwister. Ihre Eltern Johann Ludwig (1798-1835) und Elisabetha Juliane Friederike Luise Koch (1806-1839) heirateten im Jahr 1831 in Frankfurt. Bereits zwei Jahre nach Berthas Geburt stirbt ihr Vater, der Kaufmann und zeitweise Bürgermeister in Sommerhausen war. Als Bertha sechs Jahre alt ist, scheidet auch ihre Mutter, eine gebürtige Frankfurterin aus dem Leben. Wer die Vollwaise anschließend aufzieht, ist nicht bekannt … vermutlich ihre Großmutter väterlicherseits Margaretha Koch (1771-1854) bzw. ihre beiden in Sommerhausen wohnenden Tanten Anna Barbara (1807-1891) und Juliana Wilhelmina (1813-1895). Im reifen Alter von 46 Jahren heiratet Bertha am 12. August 1879 den verwitweten Brauereibesitzer und Gastwirt Georg Leonhard Thierauf (1817-1891), der den Gasthof „Zum Schwanen“ führte. Aus dessen erster Ehe gab es einen Sohn, der 1871 in Versailles verstarb. Georg Thierauf, der in der Hs. Nr. 79 (Maingasse 17) wohnte, wird im Ortsfamilienbuch 1879 als Privatier aufgeführt, der sich zu dieser Zeit im Kirchenvorstand und in der Synode Sommerhausens engagiert. In der Sommerhäuser Ortschronik von Friedrich Gutmann wird Bertha ebenso als Privatiere bezeichnet, die ihren Wohnsitz in der Hs. Nr. 83 (Maingasse 21) hatte. Der Begriff Privatier(e) entstand im 19. Jahrhundert mit dem Erstarken des Bürgertums und beschreibt Personen, die nicht darauf angewiesen sind, einem Lebensunterhalt nachzugehen, da sie über genügend Vermögen verfügen. Im Jahre 1897 spendete die inzwischen verwitwete Bertha einen Betrag von 2.840,00 Mark der Kirchenstiftung Sommerhausen für die Herstellung einer neuen Kirchenglocke, die in Rothenburg von der Firma Ph. Heller gefertigt wird. Die von nun an genannte „Bürgerglocke“ wurde aus Bronze gegossen und wog 28 Zentner. Mit einem Kranzdurchmesser von 1,30 Metern war diese Kirchenglocke mit dem Ton “des“ die größte und schwerste der vier Glocken im Sommerhäuser Kirchturm. Hiervon sind noch die Quittung und der Garantieschein der Firma Heller erhalten. Beide Dokumente wurden am 18.März 1897 von Bürgermeister Gottlieb Wenninger unterzeichnet und beglaubigt. Die Glockengießerei aus Rothenburg gewährte der Gemeinde Sommerhausen für die Haltbarkeit der Kirchenglocke eine Garantie von zehn Jahren.

 

Quittung über den Erhalt von 2.840 Mark und Garantie von zehn Jahren für die „Bürgerglocke“ der Firma Ph. Heller vom 18.März 1897, beglaubigt von Bürgermeister Gottlieb Wenninger (aus dem Gemeindearchiv Sommerhausen).    Repro: Irene Meeh

Als Bertha Thierauf am 17. Februar 1911 stirbt, hinterlässt sie ein großzügiges Testament. Besonders lag ihr der Turnverein am Herzen, den sie als Erzieher der Jugend betrachtete. So verfügte sie, dass 6.000 Mark aus ihrem Nachlass zum Bau einer Turnhalle verwendet werden sollen. Für den Vorstand und die Mitglieder der Turngemeinde ging damals ein sehnlicher Wunsch in Erfüllung. Sie erwarben ein Grundstück und mit der tatkräftigen Unterstützung der Mitglieder schritten die Bauarbeiten für das Gebäude rasch voran, sodass die Turnhalle bereits im Juni 1913 eingeweiht werden konnte. Eine großformatig gerahmte Fotografie mit angefügter Inschrift im Treppenhaus der Willy-Supp-Turnhalle erinnert deshalb heute noch an die gebefreudige Spenderin Bertha Thierauf:

Foto: Irene Meeh


Weitere 1.000 Mark erhielten Pfarrer Johannes Monninger und der Arzt Dr. Karl Samuel Vogel zur freien Verfügung. Diese ließen hiervon einen Spielplatz für die Kinder der damals so genannten Kleinkinderbewahranstalt (Hs. Nr. 16, Hauptstraße 38) erbauen. Ferner vermachte die wohltätige Stifterin 4.000 Mark der Gemeinde mit der Auflage, die anfallenden Zinsen zur Erhaltung der altertümlichen Bauwerke in Sommerhausen im Rhythmus von drei Jahren zu verwenden. Bedauerlicherweise zehrte der Erste Weltkrieg mit der anschließenden Geldentwertung das spendable Guthaben in großem Maße auf, sodass wohl in der folgenden Zeit für Sanierungsmaßnahmen wenige Mittel aus dieser Quelle zur Verfügung standen. Auch die „Bürgerglocke“ musste 1917 für Kriegszwecke abgenommen werden. Die Gemeinde nahm am 17. Juni 1917 in einem anrührenden Gottesdienst Abschied von der großen Bronzeglocke. Im Jahr 1959 wurde die Bertha Thierauf-Stiftung aufgelöst.

Berthas Tante ist Juliana Wilhelmina Koch (Hs. Nr. 16), eine weitere Wohltäterin in Sommerhausen.